Hinter Paris liegt der Albtraum
Oder doch eine Anti-Abriss-Party?
Die Meldung ist wirklich wahr: Der iranische Präsident Masoud Pezeshkian hat vor einer Weile öffentlich angekündigt, das Land brauche eine neue Hauptstadt, Teheran könne auf Dauer nicht bestehen.
Im Umland Teherans herrscht derzeit extreme Dürre, auch wenn es diese Woche ein wenig geregnet hat. Wasser wird seit Wochen nachts rationiert, die Wasserreservoire im Umland sind fast leer. Vor einer Weile hatte der Präsident schon einmal öffentlich gesagt, wenn das so weitergehe, könnten Evakuierungen nötig werden. In der zweitgrößten Stadt des Landes, Maschhad, Größenordnung Berlin, ist die Lage aktuell kaum besser.
Mir ist diese Nachricht in die Glieder gefahren. Deshalb habe ich etwas nachgelesen.
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Die Klimakrise ist nur ein Grund für die Überlegung, dem Iran nicht zum ersten Mal eine neue Hauptstadt zu geben. Die Hoffnung scheint zu sein, dass eine Hauptstadt am Meer den Handel befördern würde. Womöglich wird Teheran einfach zu groß und unkontrollierbar. Ganz sicher ist die Luftverschmutzung immens.
Es gibt einen Parlamentsbeschluss von 2013, eine neue Hauptstadt zu schaffen, und zwar im Süden, nahe der Grenze zu Pakistan, am Meer. Bisher fehlte aber das Geld - und wenn man sieht, wie das “Neom”-Projekt einer neuen futuristischen Hauptstadt im reichen Saudi-Arabien gescheitert ist, wundert das nicht. Womöglich ist das nun jetzt ein Moment, ein altes Projekt zu beleben.
Falsch wäre daher, zu behaupten, die iranische Führung gebe Teheran allein deshalb verloren, weil es seit Monaten kaum regnet. Oder auch: wegen der Klimakrise allein.
Falsch wäre aber auch, so weit ich das sehe, die Klimakrise herunterzuspielen.
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Die Stadt sinkt offensichtlich jedes Jahr tiefer, weil die Wasserspeicher unter ihr leergepumpt sind, was die Substanz der Stadt angreift und die Wasserversorgung auf Dauer noch prekärer macht, selbst ohne verstärkte Dürren. Natürlich wäre Dürre ein geringeres Problem, wäre die Stadt nicht angeschwollen, auf eine zweistellige Millionenzahl in der Metropolregion. Gewiss hätte man die Wassernutzung rationalisieren und so gegenarbeiten können. Ohne Frage geht zu viel Wasser in die Landwirtschaft und in der Landwirtschaft verloren.
Es ist nicht das Klima allein, das diese Dürrekrise erzeugt. Es ist aber nie das Klima allein.
Was die Klimakrise für uns Menschen so dramatisch macht, ist dass wir uns in eine andere Welt hineingelebt haben. Städte wie Teheran könnten in einer 2-Grad-Welt besser funktionieren, als sie es tun, wenn sie für eine 2-Grad-Welt gebaut wären. Sind sie aber nicht. Nichts ist es. Das ist ja das Teuflische.
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Was das alles etwa für Teheran heißt, da werde ich aus den Meldungen nicht schlau, aber vermutlich kann das keiner so ganz genau wissen. Ich würde wetten, dass es keiner so genau durchgeplant hat, wie überhaupt fast nirgends durchgeplant wird, was die Klimakrise heißt. Das ist Teil der Tragik.
Niemand kann jedenfalls und niemand wird zehn, 15 oder 20 Millionen Menschen umsiedeln. Teheran aufzugeben, das würde nicht heißen, Teheran zu versetzen wie Kiruna in Nordschweden. Es würde heißen: Die Stadt verliert Bedeutung, Ressourcen, Infrastruktur. Menschen bleiben unter schlimmeren Bedingungen als zuvor zurück. Viele Menschen.
Die alte Welt wird nicht mit einem Knall zerstört oder von einer neuen überrollt. Sie bröckelt, sie dorrt, sie blättert ab, sie wird härter, lebensunfreundlicher, freiheitsfeindlicher.
Wäre Teheran also die erste Metropole, die wegen der Klimakrise unbewohnbar wird?
Ich glaube, das ist die falsche Frage, sie führt in die Irre. Bewohnbar oder nicht – das ist kein hartes Entweder-Oder, sondern eine Frage der Leidensfähigkeit, der Mittel und der politischen Priorisierung.
Richtig ist das: Teheran wäre die erste Metropole, über die politisch das Urteil gesprochen wird: in der Klimakrise nicht mehr zu bewahren.
Sie wird nicht die letzte sein.
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Überraschend daran ist nur, dass der Präsident es so offen ausspricht. Dass es eine derart große Stadt trifft - und wie beiläufig die Nachricht zur Kenntnis genommen wird.
Hallo, hört jemand zu? Sieht jemand hin? Habt ihr verstanden, was ihr da gelesen habt? Habt ihr eine Vorstellung, was das heißt, Teheran aufzugeben?
In Belém in Brasilien ist vor einer Weile die Klimakonferenz COP30 vergangen. Ich konnte diesmal nach drei Jahren nicht dabei sein, habe nur aus der Ferne verfolgt, was dort verhandelt wurde.
Ich gehöre, vor einem Jahr habe ich das etwas ausgeführt, zu denen, die den Nutzen der Verhandlungen sehen, auch wenn sie frustrierend wenig erreichen. Im einen Jahr gelingt der Triumph, den Ausstieg aus den fossilen Energien als Ziel festzuschreiben, und in den nächsten kämpfen viele kluge, engagierte Menschen tagelang dafür, dass das nicht wieder unter den Tisch fällt.
Aber da gerade die internationale Ordnung zerfällt und das Geld für multilaterale Organisationen und alle Arten von Entwicklungszusammenarbeit zusammengestrichen wird, da Staaten ihre Klimaziele zurückdrehen und Unternehmen auch, muss man sagen: Stagnation ist mehr, als man erwarten kann.
Natürlich ist sogar langsamer Fortschritt weniger, als man eigentlich erhoffen muss. Die Lücke zwischen Sein und Sollen geht immer weiter auf.
Tatsächlich war es grob ein bis zwei Jahrzehnte lang so, dass die Prognose für die Erderhitzung bis 2100 beständig sank. Wir gingen ins Millennium mit der Aussicht auf 5 Grad Erhitzung oder mehr, wir haben uns bis etwa 2,3 Grad vorgearbeitet, wenn wirklich alle Zusagen zu Politik werden und dann umgesetzt und dann wirksam. Aber diese Phase ist vorbei.
Geht es so weiter wie bisher, lautet die beste Schätzung 2,8 Grad. Daran hat sich seit ein paar Jahren nichts mehr nach unten geändert.
Und ich fürchte, das bildet die neue Lage noch nicht so richtig ab.
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Mal ein kleiner Test: Haben Sie den Eindruck, dass folgende Beschreibungen die Welt momentan gut treffen?
Nationalismus erstarkt. Länder sorgen sich um ihre Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit. Es gibt regionale Konflikte, die Staaten dazu treiben, sich auf heimische oder regionale Fragen zu konzentrieren. Sicherheitsfragen rücken ins Zentrum der Politik. Länder streben nach Energiesicherheit und Nahrungsmittelsicherheit jenseits des Welthandels. Investitionen in Bildung und Entwicklung gehen zurück. Wirtschaftliche Entwicklung lahmt. Internationaler Handel wird eingeschränkt, ebenso wie Migration.
Wenn es so ist, dass diese Sätze zutreffen – und ich würde sagen: jeder einzelne trifft fast ohne Abstriche zu –, dann muss man sich ernsthaft an den Gedanken gewöhnen, dass die Welt in eine neue Phase des Klimaschutzes eingetreten ist.
Oder genauer: in eine neue Phase, in der Klimaschutz nur noch eine Nebenrolle spielt.
Dann ist die Weltgemeinschaft auf einen neuen Pfad eingeschwenkt, der in eine ganz andere Zukunft führt. Eine, natürlich, schlechtere.
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Um der Komplexität der sozialen Wirklichkeit besser gerecht zu werden, haben sich Klimaforscher vor einer Weile das Konzept der “Shared Socioeconomic Pathways” (kurz: SSPs) ausgedacht. Wenn Sie mal in einen Bericht des Weltklimarats hineinschauen, finden Sie darin ständig Abkürzungen wie SSP2-4.5 oder SSP3-7.0.
Die Zahl hinten hat damit zu tun, wie viel Sonnenstrahlung zurück ins All geht, die vordere eben mit diesen Pfaden, fünf Kombinationen von Bevölkerungswachstum, Geopolitik, Wirtschaftswachstum, Kohleabbau und viel mehr. Sie sind der Versuch, verschiedene denkbare soziale Zukünfte mit Folgen für den Klimaschutz zu unterscheiden.
Da wir ja ständig versuchen, zu ermessen, wie schlimm es werden kann und wie sich das verhindern lässt, ist das unmittelbar sinnvoll.
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Die Welt, die ich eben beschrieben habe, erstarkender Nationalismus, regionale Konflikte und so weiter, das ist die Welt von SSP3. Bislang war das sehr klar nicht die Welt, in der wir lebten (auch wenn weniger klar war, in welcher stattdessen; jedenfalls in einer besseren).
Mittlerweile und zwar vor allem wegen der zweiten Trump-Wahl muss ich sagen, und ich sage dazu, dass es kundige Menschen gibt, die da weniger sicher sind: Ich glaube, wir sind in ein neues Szenario gesprungen. Leider in die schlimmste von allen möglichen Welten.
Die allerschlimmste, technisch SSP5-8.5, gilt schon länger als ziemlich ausgeschlossen, weil unter anderem unplausibel viel Kohle verbrannt werden müsste. Aber SSP3-7.0 kommt nicht sehr viel danach. Es schließt wirklich gute Zukünfte mit ernsthaftem Klimaschutz aus und es macht absolute Katastrophenszenarien möglich.
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Ich finde es hilfreich und auf furchtbare Art erhellend, so auf die Lage zu schauen. Man muss aber natürlich nicht zwingend Weltklimarat-Szenarien kennen, um zu verstehen: Eine Welt, in der die USA in eine Autokratie verwandelt werden, die auf anti-ökologische Raserei und überhaupt zerstörerische Grausamkeit setzt, und in der Regeln und Vereinbarungen nichts mehr zählen, ist eine, in der Klimaschutz es schwer hat.
Das muss man ja erst einmal finden, eine Weltanschauung, in der sowohl die Liebe zu Tieren und Pflanzen als auch die Liebe zu Menschen als auch die Liebe zur Freiheit der Feind ist. In der nur Milde und Güte ähnlich hart bekämpft werden wie Wahrheit und Wissen. In den USA ist diese Weltanschauung gerade unter den Mächtigen beherrschend.
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Mit ihm ging es aber nicht los. Lange bevor Trump wiedergewählt war, habe ich schon in Gesprächen Zeichen dafür gesehen, dass sich ein neues Denken auch in Deutschland breitmacht. Eines, das sich mit einer 3-Grad-Welt abfindet.
Vermutlich, weil man nicht versteht, was das heißt. Oder es verdrängt. Oder hofft, es nicht mehr zu erleben.
Die Zeichen werden beständig deutlicher. Die Diskussion über das Klimaziel 2045 gehört dazu. Die Verschiebung der Einführung eines EU-Emissionshandels für Verkehr und Heizen (wenngleich die politisch womöglich kaum zu vermeiden war). Die Angriffe auf den lange bestehenden EU-Emissionshandel für Kraftwerke und Industrie. Eine Wirtschaftsministerin, die sagt, Klimaschutz sei etwas “überbetont” worden. Und so weiter, und so weiter.
Ich erinnere mich an das Gespräch mit einem Politiker schon im vergangenen Jahr, der sagte, man müsse vielleicht etwas langsamer machen mit der Transformation. Er zeigte mit der Hand einen Punkt, da wolle man hin, aber vielleicht sei das übertrieben gewesen, unerreichbar, also reiche doch auch, hier etwas weiter unten. Er schien das ernstlich für vollkommen logisch zu halten.
Meine Gegenfrage lautete natürlich: Aber in Wahrheit (ökologische Krise und ihre Folgen) müssten wir sehr viel weiter oben hinzielen, und das Paris-Ziel liegt schon darunter und darunter nochmal das deutsche Klimaziel und darunter dann die deutsche politische Wirklichkeit - und davon soll man jetzt nochmal Abstriche machen? Im Namen der Vernunft?
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Es ist eben so: Wenn die Welt einen 2.3-Grad-Kurs angekündigt hat, aber auf 2.8-Grad-Kurs ist und nun Deutschland nicht allein feststellt, dass man davon doch lieber abweichen will, dann hat man sich mit einer 3-Grad-Welt abgefunden. Oder Schlimmerem, auch wenn es schwerfällt, da noch Abstufungen zu machen.
Und wenn man in einem reichen Land wie Deutschland sowieso schon keinen Plan hat, wie man die letzten 20 Prozent Emissionen einsparen will, wenn man dereinst alles getan haben wird, auch das Schmerzhafte, um die 80 Prozent vorher einzusparen; und wenn man dann beschließt, sich die Schmerzen auf dem Weg zu 80 Prozent weniger lieber zu sparen - dann landet man nicht nur nicht beim Netto-0-Emissionen, sondern bei Sehr-viele-Emissionen.
Nur sammelt sich CO₂ eben an und ein bisschen weniger pro Jahr ergibt in Summe immer noch sehr viel mehr über die Jahre. Also: mehr Erhitzung.
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Das Pariser Abkommen ist genau zehn Jahre alt. Eine 1,5-Grad-Welt war der kühne Traum der Pariser Dekade. Er ist geplatzt.
2 Grad Plus war das, was aus jenem Traum zu werden schien, mit viel Mühe und Kampf.
Eine 3-Grad-Welt ist der neue alte Albtraum des Post-Paris-Jahrzehnts.
An dieser Stelle in früheren Newslettern habe ich Endless Wellness und Magda empfohlen. Wie mein Spotify-Rückblick zeigt, habe ich keine Songs in diesem Jahr häufiger gehört als die, die ich hier zitiert habe. Soll also keiner sagen, ich stünde nicht hinter dem, was ich hier anpreise.
Derzeit höre ich viel Clara Luzia – ja, schon wieder Österreich, diesmal aber keine neue Künstlerin. Von ihr gibt es ein neues Album, “Horelia”, das nicht nur wieder einmal sehr toll ist, sondern zufällig auch sehr gut hierher passt.
Der eine meiner zwei Lieblingssongs heißt, kein Flachs, “Great Barrier Reef”, und darin heißt es: “See the Writing on the Wall (…) We’re in this together.”
Im anderen, “Blablabla”, singt sie:
Wenn’st manchmal erzählst, wovon’st so träumst
dann schauns dich alle deppert an, bis’t heulst
und sagst: Naaa, war eh alles nur a Spaß
es ist alles ganz super, so wie’s is und so, wie’s immer scho war
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Noch 20 Jahre, dann ist 2045, dann soll Deutschland klimaneutral sein, Europa und der reiche Westen fast, China sehr weit auf dem Weg. Ich habe dann noch lange Jahre bis zur gesetzlichen Rente. Ein Kind, das in diesen Tagen geboren wird und dann in Ausbildung ist, bekommt noch Kindergeld.
Wenn ich wetten müsste, würde ich wetten, dass wir das nicht schaffen. Siehe oben. Aber wenn ich nicht wette und nicht nüchtern einschätze, dann merke ich, wie ich leicht werde bei dem Gedanken an 2045.
Wie beglückend wäre das, wäre es geschafft? Wäre die große, unvorstellbare große Transformation gelungen. Wäre diese albtraumhafte Last von uns abgefallen, wäre noch schlimmeres Unheil abgewendet (ohne Unheil wird es nicht abgehen). Was könnte alles Gutes daraus erwachsen sein? Da sehr vieles gelungen sein muss, um in 20 Jahren dort zu sein, eher sogar: Was wird dann Gutes daraus erwachsen sein?
In einer Welt, in der wir uns damit abfinden müssen, dass es immer schwerer und schwerer wird, den Umständen das gelingende Leben abzuringen, ist das ein ungetrübt utopischer Gedanke.
Seit einiger Zeit frage ich mich, was andere Menschen denken, fühlen, hoffen, fürchten und ersehnen, wenn sie an 2045 denken und an die Möglichkeit, dass der Albtraum dann vorbei sein könnte. Was sie dann vorhaben.
Ich für meinen Teil bin entschlossen: Wenn dieses Land gegen alle Wahrscheinlichkeit 2045 (nahezu) klimaneutral sein sollte, schmeiße ich eine rauschende Anti-Abriss-Party.
Und Sie?
Herzlich
Jonas Schaible



Lieber Jonas Schaible, ich kann diese Gefühle und Gedanken so gut nachvollziehen.Je mehr und je länger ich mich mit Klimathemen beschäftige, desto öfter wundere ich mich, dass wir nicht viel, viel mehr drüber reden, dass wir so oft und so gekonnt den Kopf in den Sand stecken. Natürlich, Teheran ist nicht nur durch den Klimawandel (eigentlich: Klimakatastrophe) in dieser misslichen Lage. Und natürlich ist das Klima und die Erderwärmung nicht das einzige Problem, das wir haben. Was mir dazu allerdings auch einfällt: je verrückter der Pessimismus spielt (soll ich mich jetzt mit „Kollapsologie“ beschäftigen…?), desto öfter bin ich mit unglaublich tollen Menschen, Initiativen, Institutionen und Wissensbeständen konfrontiert, die dann doch auch wieder irgendwie Hoffnung machen. Ich bin ja schon 73 und habe eine ähnliche Lage und Stimmung noch nie erlebt, trotzdem habe ich ganz im Innersten immer noch oft die „Gewissheit“, dass der momentane Lauf all dieser „hoax“-Gröhler irgendwann verpuffen wird. Und dass sich dann die anderen mit all der Weisheit, Solidarität und der Liebe zum Leben durchsetzen werden. Naiv, oder? Vermutlich. Und trotzdem…!
Vielen Dank, lieber Jonas Schaible. Mir gehen gerade auch eher trübe Gedanken durch den Kopf. Aber die Vorstellung, dass wir es "gegen alle Wahrscheinlichkeit" doch schaffen könnten - das ist wirklich inspirierend. Also: Angepackt und los geht's.