Wenn ein Tyrann einen Tyrannen entführt, wartet die Tyrannei
Es brechen kalte Zeiten an.
Ich wollte dieses Jahr eigentlich anders beginnen. Mit einem Newsletter über das, was standhält, dem Angriff des Autoritarismus, in der ein oder anderen Form. Nicht mit dem Dunklen, dem Kalten.
Nicht mit der Silvesternacht und dem kurzen Moment, in dem die Explosionen draußen klangen wie die Vorboten einer Zukunft, die hoffentlich nie eintreten wird.
Nicht mit dem absurden Gefühl, wenn man durch den schneeweißen Park spaziert und Kinder stürzen sich im Schlitten ein Hügelchen hinunter oder rollen eine Kugel auf und lachen dabei, während da draußen die Ordnung der Welt zerfällt.
Denn das ist passiert und natürlich muss ich mit dem erneuten Angriff des Autoritarismus beginnen.
Also mit dem Überfall der USA auf Venezuela, den Bomben in Caracas, der Geiselnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro, die eine Geiselnahme bleibt, obwohl Maduro ein Diktator war, illegitim an der Macht und repressiv.
Nicht, dass noch viel übrig gewesen wäre von der Weltordnung des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Aber dieser 3. Januar 2026 fühlt sich doch an wie einer dieser revolutionären Momente, in denen deutlich wird, dass eine Ordnung nicht mehr hält. Auch wenn man nicht weiß, was ihr nachfolgen wird.
Also ein paar lose Gedanken zu dem, was geschehen ist und was nun geschehen kann.
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Trump und seine Leute haben kein Geheimnis aus ihren Plänen gemacht. Es galt auch diesmal: Wenn es aussieht, wie Kriegsvorbereitungen, sind es vermutlich Kriegsvorbereitungen.
Offen war freilich, ob es Luftangriffe geben würde, Bodentruppen im Land oder etwas wie diese Entführung Maduros. Dass mehr geschehen würde als Drohungen, das war so klar, wie die politische Zukunft klar sein kann. Man muss die US-Regierung beim Wort nehmen.
Was, um kurz abzuschweifen, im Namen dieses Newsletters steckt, beimwort, weil ich damals meinen ersten Blog so genannt habe, beim Wort genommen. Damals, weil ich viel Textkritik gemacht habe, Absatz für Absatz, wie man das so machte in Foren oder früher Medienkritik. Mehr und mehr wird mir klar, dass das ein sehr gutes Motto für die Beobachtung von Gesellschaft ist: So oft versagen hoch angesehene Profis jämmerlich in ihren Analysen, weil sie es nicht schaffen, Leute beim Wort zu nehmen. Und so weit kommt man, wenn man nicht mehr tut als das.
Es ist eine erste Lektion für diese neue Welt: Man sollte die Leute besser beim Wort nehmen. Die US-Führung beim Wort zu nehmen, das heißt auch: Man muss das Schlimmste für möglich halten.
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Es wäre töricht, die Drohungen gegen Panama, Kanada und Grönland abzutun, nur weil sie ein paar Monate weniger präsent waren.
Allerspätestens jetzt stellt sich eine Frage, von der ich weiß, dass sie verrückt klingt: Sind US-Truppen in Grönland, aber auch in Deutschland eigentlich noch eine Sicherheitsgarantie? Oder eher ein Sicherheitsrisiko?
Natürlich werden nicht in wenigen Wochen US-Kampfhubschrauber in Brüssel einfliegen und einen EU-Kommissar kidnappen. Oder die dänische Ministerpräsidentin. Aber wie sicher sind wir uns, wenn wieder mal so etwas geschieht wie das Urteil gegen Marine Le Pen? Oder wenn Viktor Orban mal eine Wahl verlieren sollte? Und warum einer Regierung, die mit allen Mitteln, die sie hat, Druck ausübt, ein gefährliches Druckmittel zusätzlich geben?
Bisher hoffen sehr viele offensichtlich und verständlicherweise darauf, dass die USA sich noch besinnen, dass sie Europa verteidigen, wenn es nötig wird, und dass sie die Ukraine unterstützen. Außerdem sucht niemand die Konfrontation mit den USA, und die Truppen rauszuschmeißen, das wäre eine Konfrontation.
Nur muss man eben davon ausgehen, dass die transatlantische Verteidigungsgemeinschaft Geschichte ist, solange MAGA regiert. Und man muss zur Kenntnis nehmen, dass die USA, in Vizepräsident Vances Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz, den Menschenrechtsberichten des Außenministeriums oder zuletzt der Sicherheitsstrategie die demokratische liberale EU unverhohlen zum Gegner erklärt haben. Auch das sollte man wörtlich nehmen.
Viele mögen denken: Uns doch egal, wenn die USA ihre Gegner angreifen. Sie haben nicht verstanden: Wer in Europa nicht von der extremen Rechten regiert wird, gehört dazu.
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Andere Fragen, die jetzt eilig beantwortet werden müssen: Wie löst man sich von der Erpressbarkeit durch Abhängigkeit von (digitalen) Infrastrukturen? Die USA zeigen mit den Sanktionen gegen HateAid (+), die Rote Hilfe und Antifa-Gruppen und gegen Richter am Internationalen Strafgerichtshof, wie sie der Welt ihre Ideologie aufzwingen wollen – und wie leicht sie Menschen vom modernen Leben abschalten können.
Die meisten US-Techkonzerne machen sich zu willfährigen Helfern, alle können erpresst werden. Wie kann Deutschland, wie kann die EU ihre Bürger*innen im Ernstfall schützen oder Sanktionen umgehen und die Menschen wieder zurück ins Leben bringen? So dass sie Geld abheben, Hotels buchen und Handys nutzen können.
Und wie können sich Staaten davor schützen, dass ihnen die USA Zugang zu Computern abklemmen?
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Das legt eine weitere Schicht an komplexen Präventionsaufgaben und Kosten auf Präventionsaufgaben und Kosten, wegen Russlands Drohungen, Chinas wachsender Tech- und Weltmarktdominanz und der alles überwölbenden ökologischen Krise. Aber es hilft ja nichts.
Wer nichts tut, liefert sich aus, und wer sich Trump ausliefert, ist geliefert.
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Bisher versuchen es die europäischen Führungen vorwiegend mit Appeasement. Beim deutschen Kanzler würde ich es probehalber sogar so formulieren: Seine Außenpolitik besteht im Wesentlichen aus dem Versuch, in Trumps Gunst zu steigen und so etwas zu erreichen, für die Ukraine oder die deutsche Industrie.
Friedrich Merz sagte also diesmal: „Die rechtliche Einordnung des US-Einsatzes ist komplex.“ Was natürlich nicht stimmt.
Komplex könnte höchstens die politische Bewertung sein, denn die Dinge werden ja gern mal komplex, wenn es um Demokratisierung geht.
Es gibt fast nie eine Demokratisierung mit inhärent demokratischen Mitteln. Ein Putsch ist eine inhärent autoritäre Methode, aber kann nötig sein, um eine Diktatur zu stürzen. Auch militärische Interventionen können Massaker verhüten und Regime stürzen, Deutschland hat das zum Glück erlebt. Selbst eine Revolution ist in sich keine demokratische Methode.
Deshalb schillern Revolutionen so – wir erkennen ihren demokratischen Impuls, wenn sie sich gegen Diktaturen richten, aber wir wissen auch nie, wohin sich die Sache bewegt, wenn alles in Bewegung ist.
Wenn man wollte, konnte man sogar in der unkomplex verbrecherischen Invasion des Irak unter George W. Bush Komplexität erkennen, weil immerhin ein Anspruch erkennbar war, das Land hinterher nicht einfach auszulutschen oder zu unterjochen.
In diesem Fall schillert aber nichts. Es handelt sich um eine autoritäre Methode eines autoritären Regimes zu autoritären Zwecken. Niemand kann glauben, es ginge um die Befreiung der Venezolaner*innen. Nicht einmal Trump tut so, als ginge es darum. Er fabulierte von Öl verkündete sogar, die USA würden jetzt erst einmal die Kontrolle übernehmen. Und nur, weil er nicht erklären kann, wie das gehen soll, heißt das nicht, dass es nicht ernst gemeint ist.
Hier hat ein Tyrann einen Tyrannen entführt und wie daraus etwas anderes als Tyrannei erwachsen soll, ist nicht vorstellbar.
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Das Öl, von dem Trump so viel redet, (das auszubeuten und zu nutzen gar nicht so trivial und vor allem nicht so günstig ist), nährt einen alten Verdacht gegen die USA: dass es ihnen eh immer nur ums Öl gehe. Oder, allgemeiner: ums Geld. Trump zumal.
Tatsächlich geht es bei ihm immer auch um abstruse Immobilienideen (Gaza), Rohstoffrechte (Ukraine) oder Freihandelszonenpläne. Und tatsächlich berichtet das Wall Street Journal von Vertretern der Finanzindustrie, die sofort in Venezuela nach Business-Gelegenheiten suchen wollten.
Ich glaube trotzdem, nicht, dass es nur um Öl geht, oder auch nur vorrangig. Sondern erst einmal um Herrschaft, um Macht, um Allmachtsfantasien, um Machtsicherung nach Innen. Ich glaube aber auch, es gibt da gar keinen Widerspruch.
Ich denke mir das so: Für Trump sind Geld und Macht nichts, was sich konzeptuell trennen lässt. Wer Geld hat, hat Macht, wer mehr Geld hat, hat mehr Macht. Und wer Macht hat, wird reicher, sonst macht er etwas falsch.
Deshalb geht es dann in Gaza um abstruse Immobilienträume, darum, wer im Fall eines Friedens in der Ukraine Bodenschätze und AKW kontrolliert, oder eben um Öl in Venezuela.
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Wie man es auch dreht und wendet, an diesem Kidnapping eines Menschen ohne Rechtsgrundlage ist nichts komplex, umso bedrückender liest sich das ganze Statement des Bundeskanzlers, in dem Merz sogar noch mit dem Verweis auf “die Verstrickung Venezuelas in das Drogengeschäft” Trumps Propaganda affirmiert.
Das ist das große Missverständnis, das etwa in diesem Fifa-Friedenspreis zum Ausdruck kommt, den der Fußball-Weltverband kürzlich erfand, vermutlich, um Trump milde zu stimmen, weil bald Fußball-WM ist in den USA, Kanada und Mexiko. Dafür müssen Menschen Grenzen passieren und eine Annexion unter Ausrichterländern wäre auch misslich.
Die Fifa also gab Trump einen Preis, der mit dem Friedensnobelpreis so viel zu tun hat wie Plastikputten mit Goldspray mit barockem Kunsthandwerk. Es war ein erbärmliches Schauspiel – aber eben nicht so sehr für Trump, sondern vor allem für die Fifa.
Allenthalben glauben Menschen, sie könnten Trump spielen, indem sie ihm alberne Briefe schreiben, wie der Nato-Generalsekretär, oder ihn unterwürfig loben oder Preise erfinden, aber in Wahrheit spielen sie nicht ihn. Er spielt sie. Sie akzeptieren seine Regeln. Er hat Macht, weil sie sich unterwerfen.
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Trump hat einst einen Satz gesagt, der dann an die Öffentlichkeit kam, im Access Hollywood Tape, er prahlte damit, Frauen “by the pussy” zu grabschen, und: “When you’re a star, they let you do it.” Wenn du ein Star bist, lassen sie es dich machen.
Der erste Teil verrät fast alles über Trump, was man wissen muss. Der zweite Teil scheint mir dennoch der eigentliche Schlüssel zu sein. “They let you do it” ist Trumps Lebenserfahrung, und ich glaube, sie ist auch sein Leitprinzip.
Er wird tun, was man ihn tun lässt, konsequent weitere Grenzen überschreiten, bis man ihn nicht mehr lässt. Bisher haben ihn fast immer alle gelassen.
Trump wird niemanden verschonen, nur weil der ihm das Wort redet oder sich mit Kritik zurückhält. Trump wird dann etwas nicht tun, wenn er das Gefühl hat, er kommt nicht damit durch.
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In der Zwischenzeit bleibt der Eindruck auch aus den Äußerungen anderer Politiker in Deutschland und der EU: Wenn es die Richtigen trifft, ist uns das Recht egal. Sind uns Prinzipien egal. Nur wenn es die Falschen trifft, verweisen wir auf Regeln, Normen, Grundsätze.
Man nennt sowas üblicherweise: Heuchelei. Im Rest der Welt nennt man so etwas vermutlich: Business as usual. Der Verdacht, der Westen verstehe Völkerrecht als etwas, das ihn schützt, aber nicht bindet, und andere bindet, aber nicht schützt, ist alt und verbreitet.
Man kann ihm nicht mehr wirklich ausräumen.
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Selbst wenn die Reaktionen weniger hasenfüßig ausgefallen wären: Man erkennt an dieser Aktion ganz grundsätzlich, dass Vergleichbares nicht immer vergleichbar behandelt wird.
Auch jene, die den US-Übergriff klar verurteilen, fordern nicht einhellig und vernehmlich, Venezuela beizuspringen, mit Waffen oder Sanktionen gegen die USA. Wir behandeln Venezuela anders als etwa die Ukraine.
Und natürlich, Selenskyj und Maduro trennt fast alles, vor allem war ersterer legitim gewählt und regierte fair. Aber wäre es fundamental anders, hätte Trump dasselbe in Chile abgezogen oder in Costa Rica? Wären dann Sanktionen gegen die USA in der Debatte?
Eher behandeln wir doch beide unterschiedlich, weil das eine Land nah ist und das andere fern. Geographisch und politisch. Weil der eine Aggressor nah ist und der andere fern. Weil der eine Krieg uns bedroht und der andere unmittelbar nicht so.
Da verhalten sich Deutschland und die EU dann ziemlich so wie sich Südafrika, Indien oder Brasilien verhalten haben, als Russland die Ukraine überfiel. Wie will man ihnen das jetzt noch vorhalten?
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Im vergangenen halben Jahrzehnt sind zwei der drei Ein-Land-Großmächte in einem anderen Staat eingefallen, um die Regierung abzusetzen. Ohne Rechtfertigung, gegen jedes Recht, nur aus Lust an der eigenen Herrschaft.
Fehlt also nur noch eine und die hat gerade erst explizit geübt, wie es wäre, Taiwan militärisch zu unterjochen. Es gibt jetzt zwei mögliche Pfade in den nächsten drei Jahren, bis der Trumpismus vielleicht aus dem Amt gewählt werden kann, auch wenn er alles tun wird, um das zu verhindern:
Die US-geführte Weltordnung wird von der US-Regierung leichtfertig und eilfertig zertrümmert. Entweder Chinas Führung ist schlau und erkennt, dass sich in vielen Ländern die öffentliche Stimmung schon lange wandelt. Trump hat so gut wie alle Soft Power, die die USA außerhalb von extrem rechten Kreisen genossen, aufgegeben. Und die EU hat sich mit ihrer unterwürfigen Buckelei auch als Soft-Power-Großmacht entmachtet, blöderweise aber auch kaum Hard Power.
Wenn China sich weiter als rationaler, friedlicher Hegemon aufführen sollte, dem man wie den Kaisern einst nur Tribut zollen muss und dann wird man beschenkt, wird es sehr schnell sehr viele neue Freunde finden – oder wenigstens: Interessenten.
(Economist via Nils Markwardt)
Das wäre, scheint mir, das glimpfliche Szenario.
Im anderen gibt China die Chance auf globale Machtprojektion durch freiwillige Gefolgschaft auf, um im eigenen Nahfeld militärisch zu expandieren. Das hieße: Angriff auf Taiwan. Fürs Erste.
Wenn es so kommt, dann gnade uns Gott. Dann wackelt alles. Dann wird die Welt mit dem Schlachtermesser aufgebrochen und neu verteilt.
So oder so, alle müssen schauen, dass sie nicht unter die Räder kommen. Die EU hat da noch die besten Karten. Aber man müsste sie natürlich spielen wollen.
Es brechen kalte Zeiten an.
Wenn man im Park ist oder im Wald und weiß, worauf man achten muss, dann hört man es oft, das leise Piepen der Sommer- und Wintergoldhähnchen. Diese kleinsten heimischen Vögel sind aber furchtbar rastlos, sie eilen von Zweig zu Zweig, meist oben im Baum, man hört sie oft und sieht sie kaum.
Diesen Winter habe ich schon zwei beobachtet, nah am Boden, in Sträuchern, eines kaum eine Armlänge entfernt. Ich weiß nicht, was los ist, aber die Goldhähnchen scheinen dieses Jahr ungewöhnlich furchtlos.
Vielleicht können wir etwas von ihnen lernen. Es scheint, als könnten wir es brauchen.
Herzlich
Jonas Schaible




Danke für diese umsichtige, ruhige Analyse. Das meiste ging mir so durch den Kopf. Es zeigt in aller Brutalität auf - ohne dass es in den konkreten Folgen schon so beschrieben wird, hier – dass wir unser System schnell verlieren können…
Es ist einer der besten Einschätzungen der Lage, was ist, was kommt … es geht immer um Herrschaft, um Macht, um Allmachtsfantasien, um Machtsicherung nach Innen. Wenn man sich mit Narzismus etwas beschäftigt kann man das Verhalten noch besser verstehen. Danke für diesen Text.