41,3 Grad
Und ja, es wird noch heißer.
Der 26. Juni 2026 war also der bisher heißeste Tag in Deutschland, mit gemessenen 41,3 Grad in Saarbrücken. Das Gute: Sie müssen sich dieses Datum trotzdem nicht merken. Das Schlechte: Der Rekord wird nicht für die Ewigkeit sein, so viel ist sicher. Es wird in vermutlich nicht allzu ferner Zeit noch heißer werden.
Und wenn nicht, wird es noch länger am Stück fast so heiß sein. Oder es wird fast so heiß sein und feuchter und also quälender für den menschlichen Körper. Oder gerade nicht feucht, sondern noch trockener, und also quälender für Pflanzen und zehrender für Böden.
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Es sind Tage, in denen man auf den Sonnenuntergang hinfiebert, bis man spürt, dass wieder Hitze nach oben entweicht, statt von oben zu kommen, sodass das Fieber nachlässt.
Ich erinnere mich an einige brutale Hitzewellen, aber an keine so früh im Jahr. An keine, in der man die Amseln hörte, wenn man abends endlich die Fenster aufriss. An keine unter Sommerwendensonne, die so steil steht und jeden Winkel der Stadt erreicht.
Zuletzt war es in meiner Erinnerung derart unerträglich, als ich gerade “Demokratie im Feuer” zu Ende schrieb, vor fast vier Jahren. Ich hätte es fast unverändert auch jetzt schreiben können. Allenfalls wäre es dann vielleicht noch düsterer ausgefallen.
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In diesen Tagen liest man wieder selbstverständlich von den kleinen staatlichen Eingriffen, den Mikro-Einschränkungen von Freiheiten, die die Klimakrise erzwingt. Grillverbote im Park, Grablichterverbote auf dem Friedhof, abgesagte Veranstaltungen. Die Pizzeria ums Eck schließt an diesem Wochenende, arbeiten wäre nicht möglich neben dem Ofen. Oder genauer: es wäre lebensgefährlich.
Die Bahn gestattet kostenlose Stornierungen und ruft dazu auf, wenn möglich, nicht die Bahn zu nutzen, weil sie natürlich unmittelbar sieht, was der Kern dieser Großkrise ist: Alles, was der Mensch geschaffen hat, hat er in einer Welt und für eine Welt geschaffen, die es nicht mehr gibt.
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Zeitlich passend hielt die CDU im brutzelnden Berlin ein Werkstattgespräch ab, um über die Klimapolitik zu reden. Aber nicht darüber, wie man schneller und effektiver Emissionen einsparen kann. Auch nicht darüber, wie man endlich mal mit Anpassung vorankommt, wofür es immer noch kaum Pläne und Institutionen gibt.
In diesen Tagen ist es ganz simpel: Wer Wohnung oder Büro kühlen kann, kommt durch diese Hitzewelle. Dessen Körper kann sich regenerieren. Die kann entscheiden, wann sie sich der Hitze aussetzt. Wer das aber nicht kann, gehört der Katz’.
Die CDU traf sich, um darüber zu sprechen, wie Klimaschutz der Industrie weniger auf die Nerven fällt, und die, die das organisiert haben, lassen schon seit einer Weile wissen, was sie damit meinen: Es soll langsamer gehen und nicht ganz so weit, womöglich nicht mal bis Netto-Null.
Und weil nur Netto-Null heißt, dass die Erhitzung vermutlich stoppt und weil wir selbst mit Netto-Null-Ziel nicht auf Netto-Null-Kurs sind, kann man das übersetzen mit: Wir sollten noch nicht einmal versuchen, die fortschreitende Wendung des Planeten ins Freiheitsfeindliche aufzuhalten, allenfalls zu bremsen. Ergebnisse brachte das Treffen, so weit ich gelesen habe, nicht.
Unterdessen ging, schon vor einer Weile, der wichtigste und einflussreichste Unions-Klimapolitiker, Ex-Fraktionsvize Andreas Jung, als Minister ins baden-württembergische Kultusministerium.
41,3 Grad, und es wird noch heißer.
Ich habe einen Blick ins neue Buch des US-Vizepräsidenten und regelmäßigen Newsletter-Protagonisten J.D. Vance geworfen. “Communion” heißt es und erzählt, wie Vance möchte, dass man wahrnimmt, dass er zum Glauben zurückgefunden hat. Zugegeben, ich habe es bisher nicht bis zum Ende durchgehalten, nicht, weil es schlecht geschrieben wäre, das wirklich nicht, sondern weil es so transparent unehrlich ist.
Man weiß, dass man Vance kein Wort glauben kann, und man weiß es noch besser als vorher, wenn man mal in das Buch schaut.
Da schreibt einer, der offenbar mühelos wechseln kann zwischen dem hartherzigen, giftigen, rohen Ideologen, der er als Trumps Vize ist, und dem reflektierten Beobachter seiner selbst, der Schwächen im eigenen Denken erkennen und ihm mit derselben Milde begegnen kann wie Schwächen der anderen.
Nicht auszuschließen, dass in seinen Texten dennoch ein echtes politisches Programm liegt, das er umzusetzen versuchen würde, hätte er die Macht. Einstweilen hat er sie nur abgeleitet von Trump und insofern könnte man seine Programmschrift als Horrorskop bezeichnen: Etwas, das einen Blick in den Abgrund erlaubt, ohne dass er gut zu erkennen wäre oder Vorhersagen erlauben würde.
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Interessant ist, dass Vance über das Transzendente schreibt, über Erfüllung, Erhabenheit, Größe, das, was den Menschen menschlich macht und das gelingende Leben zum gelingenden Leben.
In den USA schwillt dieser Diskurs schon länger an, besonders weit rechts, wo Schönheit, Ästhetik, Spiritualität und Gemeinschaft schon länger als politisch wirkungsvoll erkannt wurden. In einer Ezra-Klein-Folge über das Männerbild der extremen Rechten ging es kürzlich darum und auch in einer Podcastfolge “Der Wahlkreis” mit Robert Pausch und Paul Middelhoff.
Ich glaube, sie alle sind einer richtigen Einsicht auf der Spur: Der Mensch lebt nicht von Brot und Butter allein. Zum individuellen guten Leben gehören Gemeinschaft mit anderen und eine Verortung in der Welt und Momente von Schönheit und Erhabenheit. Und zur Politik gehört all das auch.
Die Frage ist, wo beides zusammentrifft und wie beides zusammenhängt. Die Vermutung liegt ja nahe: In der MAGA-Welt wird all das thematisiert (und die AfD geht aufs Bauhaus los), also trägt es zum Erfolg bei - und also braucht es ein Gegenmodell.
Ich habe nur den Verdacht, dass eine Politik, die sich redlich müht, das Wahre, Gute und Schöne zu ihrem Gegenstand zu machen, damit allein noch nicht weit kommt, wenn sie Menschen an sich binden will.
Anders gesagt: Den Untergang der SPD stoppt kein sozialer Wohnungsbau mit Erkern und Stuck1.
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Ich glaube mehr und mehr, dass der entscheidende Mechanismus, der Menschen an politische Projekte bindet und dauerhaft Unterstützung sichert, dieser ist: sie zu Komplizen zu machen.
Ihnen etwas zu geben, wie die Lieferservice-Politik, die Antworten auf Probleme finden will, kann helfen. Aber Undank ist der Welten Lohn. Sehr lang wirkt ein politisches Geschenk oft nicht, wenn es nicht lebensverändernd war.
Sie in Strukturen einzubinden, in Ortsvereine und Arbeitersportvereine, wie es Organizing-Ansätze versuchen, ist schon aussichtsreicher. Aber schwer zu schaffen und zäh.
Schneller und wirkungsvoller ist es, sie dazu zu bringen, Grenzen zu überschreiten, ihr Bild von sich und ihren Mitmenschen und der Welt zu verändern.
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Den Familien von Soldaten aus armen Dörfern ein kleines Vermögen zu zahlen, wenn sie sterben, wie in Wladimir Putins Russland. Sie bekommen nicht nur Geld – sie bekommen Geld, wenn jemand stirbt, den sie lieben, für einen Eroberungsfeldzug, den Putin liebt. Sie stellen fest, dass ihr Leben jetzt besser ist, wo es doch schlechter sein müsste, und damit umzugehen fällt leichter, wenn man sich den Krieg als ehrenhaft erzählt.
Sie dazu zu bringen, eine Lüge zu wiederholen, wie in jeder Diktatur, aber besonders deutlich auch in der MAGA-Welt: die größte Amtseinführung aller Zeiten, die es offensichtlich nicht war, damit ging es schon los.
Ihnen Korrupte, Grabscher und Trinker vorzusetzen (und am besten noch Leute auszuwählen, die sich selbst verraten müssen). Ihnen Feinde und Gegner nahezulegen und den Hass und die Verachtung.
Alles, was sie dazu zwingt, sich gemein zu machen, weil sie sonst ihr Selbstbild in Gefahr bringen. Alles, was dazu führt, dass es schwierig wird, zu sagen: Ich habe mich geirrt.
If you got skin in the game, you stay in the game.
Anders gesagt, das wäre die These: Dauerhaft erfolgreiche Massenpolitik spiegelt Menschen nicht einfach nur in ihren Identitäten. Sie bringt sie dazu, ihre Identität anzupassen.
Wer die Massen an sich binden will, muss keine Problemlösung anbieten, sondern Grenzüberschreitungen. Transgression schlägt Policy, die Verbrüderung schlägt das gute Argument.
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Wenn der MAGA-Look für Männer Muskeln sind, die man ohne Steroide in einem Vollzeitjob kaum herbeitrainiert bekommt, und für Frauen aufgespritzte Lippen und wasserstoffblonde Haare, und für beide Geschlechter Jaw-Line-OPs, dann ist das nicht einfach der Beweis dafür, dass in dieser Welt ein Sinn für Schönheit besteht. Es handelt sich auch nicht um irgendeine Ästhetik, sondern um eine systematische Zurichtung der Körper als Eintrittskarte in den Machtzirkel.
Es ist kein Zufall, dass es eine Ästhetik ist, die den Menschen etwas abverlangt, und den Frauen mehr als den Männern. Wenn man dazugehören will, muss man sich verändern, und zwar bleibend und irreversibel. Und hat man das getan, bleibt man, jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit und lange.
Und wenn Trump den East Wing abreißt, den Rosé Garden zupflastert, das Oval Office mit Goldspray bestäubt und einen Triumphbogen plant, dann entfaltet das nicht politische Wirkung, weil die Ästhetik des Weißen Hauses bisher die Approval Ratings der Präsidenten nach unten gezogen hat.
Es wirkt, weil Trump den öffentlichen Raum zurichtet und Menschen zwingt, das zu verteidigen.
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In Kleins Podcast über MAGA-Männerbilder ging es auch, natürlich, um Fleisch. Diese auf eine Art völlig merkwürdige Fleischfixierung ist sofort weniger merkwürdig, wenn man von Selbstbildern, Identitäten und Komplizenschaft her denkt.
So selbstverständlich Fleischkonsum in unseren Gesellschaften ist, so unstrittig ist, dass er ziemlich heikle ethische Fragen aufwirft. Man kann die Fragen unterschiedlich beantworten und doch anerkennen, dass es fragwürdig ist, Tiere in Massen zu halten und Tiere zu töten. Dazu muss man kein Vegetarier sein und kein Moralphilosoph. Es reicht, schon einmal einem Tier begegnet zu sein.
Eine Entscheidung für Fleisch setzt immer voraus, eine als bedeutsam erkannte Linie zu überschreiten. Fleischkonsum ist immer auch Transgression, und daher offensichtlich ein Thema, das sich für Identitätsdebatten nutzen lässt.
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Ganz ähnlich, glaube ich, verhält es sich mit der Klimakrise. Die ist so groß und ungeheuerlich, die Verantwortung unserer Generationen so unabweisbar gigantisch, und mittlerweile ist sie auch so eindringlich spürbar, dass, wie viele Umfragen zeigen, eine überwältigende Mehrheit all das weiß. Oder glaubt. Oder spürt. Oder ahnt.
Damit ergibt sich das Transgressionsangebot von selbst. Der Reiz dieses Angebots ergibt sich ebenfalls, zur Entlastung von dieser Verantwortung.
Zugleich ist die Lücke zwischen Wirklichkeit und Leugnung oder selbst Alles-halb-so-schlimm so groß, dass Umkehr wahnsinnig schwer wird. Klimawandelverharmlosung ist eine starke Loyalitätsquelle. Sie hat, fürchte ich, in der Tat die moderne extreme Rechte mitgeformt.
Ich weiß nicht, woran es liegt, aber seit einer Weile fallen mir mehr Krähen-Dohlen-Gemeinschaften auf, in denen meistens aus Stare mitmischen. Saatkrähen oder Nebelkrähen und dazu die viel kleineren fellow Rabenvögel, die Dohlen, und teils die noch viel kleineren Stare fliegen und kreischen in Formation und Takt.
Nun ist es so, dass besonders Nebelkrähen notorische Stresser sind. Zwischen Oktopussen, die Fische boxen, Schimpansen, die Kriege führen, und Menschen, die Donald Trump politische Macht übertragen, muss man sagen: Die Cleveren sind auffallend oft die Unruhestifter.
Jedenfalls gehen Krähen gern auf andere Vögel los. Ich habe schon eine dabei beobachtet, wie sie einen Graureiher, der einfach nur seines Wegs fliegen wollte, über Kilometer verfolgt hat. Und andere, die einen Seeadler zu artistischen Flugmanövern zwangen, der nichts tat, als auf seinem Horst zu sitzen.
Neulich also gingen mal wieder Krähen auf einen Greifvogel los und um sie herum machten Dohlen und Stare mit. Vielleicht konnten sie nicht mehr zurück, zu tief in der Komplizenschaft verfangen. Ich stelle mir vor, dass sie etwas überbeflissen so etwas wie “gib ihm, los, gib ihm richtig!” gerufen haben.
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Früher machte man sich dieses “Hassen” von kleineren auf Greifvögel für die Jagd zunutze, indem man die an einem Pfahl anband. Bald kamen die Singvögel und man fing sie ein. Besonders beliebt als Köder: der Uhu, die größte Eule.
Kürzlich konnte ich zum ersten Mal Uhus beobachten. Im Deutschen gibt der Name seine Aura nicht ganz adäquat wieder. Im Englischen (Eagle Owl, also: Adlereule) schon eher. Erst auf Französisch aber heißt der Uhu angemessen: Grand-Duc. Der Großherzog.
Machen Sie es wie der Grand-Duc und ziehen Sie sich tagsüber in einen Wald zurück. Oder ans Wasser. Oder in klimatisierte Räume. Da oder dort: Trinken Sie viel und passen Sie auf sich und andere auf. Es kommen noch heißere Tage, auch in Zukunft. Aber auch wieder kühlere. Ganz bestimmt.
Kühlende Grüße und herzlich
Jonas Schaible
Es gibt übrigens eine spannende Studie, die versucht, zu erklären, warum so wenige neue Gebäude in den Augen einer relevanten Zahl der Menschen schön sind, obwohl das sogar den Wert der Gebäude und den Wert der Gebäude in der Umgebung steigert, also win-win-win. Nur: Sie sind auch teurer. Ergebnis, in aller Kürze: Kurzfristig steigert es die Kosten für die Entwickler, denen die vielen wins egal sind, weil sie nur einen kleinen Teil davon selbst einstreichen. Da geht es hin, das Gute, Wahre und Schöne, in den Excel-Tabellen der ausdifferenzierten Gesellschaft.



lieber jonas schaible,
ich lese ihren text und bin so "berührt", dass mir tränen in den augen stehen. er ist schrecklich, schön, wahr, authentisch und klug. mir gibt er hoffnung, weil sich hier ein mensch zeigt, der vielleicht menschen dafür gewinnen kann, sich miteinander für das gute leben einzusetzen, das noch möglich ist, nachdem und während wir unsere welt und alles, was darin ist, an die wand fahren.
Der „MAGA-Look“ 😄 was mir dazu noch eingefallen ist, dass dieser Look total teuer ist oder sein muss. Teuer nicht nur hinsichtlich Geld, sondern es kostet auch sehr viel Lebenszeit, finde ich. Aber vielleicht ist das genau ihr Hobby: Botoxxen.