Widerstand ist möglich
Aber er hat einen hohen Preis.
Unter all den dunklen Momenten, die man so gedanklich durchlebt, wenn man die Gedenkstätte Auschwitz besucht, hat sich mir einer besonders eingebrannt.
Der Guide erzählte, wie die Deutschen 1941 im Lager Auschwitz I Menschen zur Ermordung auswählten. Einer der Männer brach zusammen, weinte um sich und seine Familie, seine Frau und zwei Söhne.
Daraufhin trat ein Priester vor und bat, an dessen Stelle in die Todeszelle zu gehen.
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Ich konnte mich nicht mehr richtig an alle Details erinnern, auch nicht an den Namen des Mannes: Vater Maximilian Kolbe. Die Pressestelle der Gedenkstätte konnte dankenswerterweise helfen.
Ich erinnere mich aber noch genau an das Gefühl in dem Moment, als der Guide von Kolbe erzählte. Es war dieser Moment, der noch mehr rührte als alle Grausamkeit. Der sich noch tiefer eingebrannt hat als das Böse.
Die Güte, die Selbstaufgabe. Auch das sture Beharren darauf, dass es das Richtige an einem Ort geben muss, an dem nichts richtig ist, und dass also einem Verzweifelten zu helfen und eine Familie zu schützen ist, wenn man helfen und zu schützen versuchen kann.
Was für eine Kraft so eine Tat hat. Wie bewegend sie ist.
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Man findet im Internet viel über Vater Kolbe. Papst Johannes Paul II. sprach ihn später heilig. Es gibt auch kritische Auseinandersetzung mit seinem Antizionismus.
Wie auch immer man sonst sein Leben bewertet: In diesem Moment am 29. Juli 1941 stellte er sich und seinen Körper schützend vor einen anderen. In dem Moment handelte er als guter Mensch.
Er wurde nach rund zwei Wochen in der Todeszelle am 14. August 1941 mit einer Giftspritze ermordet.
Der Mann, den er rettete, heißt Franciszek Gajowniczek. Er überlebte die Lagerhaft und den Krieg, deshalb kennen wir die Geschichte. Auch seine Frau überlebte. Die beiden Söhne starben bei einem russischen Bombardement.
Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die sich in ganz unterschiedlichen Situationen zu ganz unterschiedlichen Zeiten vor andere Menschen gestellt haben, um sie zu schützen.
Die Geschichte ist voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Sie ist voll von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.
Sie ist aber auch voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.
Oder andersherum: Die Geschichte ist voll von guten Menschen, die einen hohen Preis dafür gezahlt haben.
Die Geschichte ist aber auch voll von Momenten, in denen Gräuel nur so verhindert werden konnten. Und von Wundervollem, das nur so geschaffen werden konnte.
Es macht keinen Unterschied, wo das “aber” steht. Es macht zugleich allen Unterschied, wo das “aber” steht.
Seit Wochen erreichen uns ständig Videos aus Minneapolis. Sie zeigen Einsätze der Abschiebepolizei ICE oder der Grenzpolizei.
Die Agenten führen Razzien durch, nehmen willkürlich Menschen fest, prügeln Zuschauer, verhaften Menschen offenbar oft ohne jeden Grund. Es ist massenhafte Einschüchterung, die Rechte der Einzelnen zählen nichts, niemand ist sicher.
Aber von Anfang an, auch das zeigen die Videos, oder genauer: Deshalb gibt es diese Videos, stellten sich Menschen dem entgegen. Sie bauen sich vor ICE- oder Grenzschutzagenten auf, die Menschen gängeln.
Tausende folgen den bewaffneten Einsatzmannschaften. Sie schreien sie an. Sie tanzen und singen sie vor den Hotels um den Schlaf. Sie warnen ihre Nachbar*innen, wann immer die Häscher anrücken. Vor allem filmen sie, was die tun, auch wenn die Regierung ihnen sowieso Straflosigkeit in Aussicht stellt.
Das Ausmaß dieses Widerstandsnetzwerks ist atemberaubend. Nicht die ganze Stadt wehrt sich, aber ein bemerkenswerter Teil wehrt sich.
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Sie haben Erfolg. Das bedeutet unter den Umständen nicht, dass ICE besiegt ist, Trump vor dem Verlust seiner Macht steht oder die US-Demokratie sich erholt. Es bedeutet, dass nicht alles schlimmer wird. Dass MAGA wenigstens etwas zurückweicht oder innehält. Dass im Widerstand Hoffnung wächst.
Greg Bovino, eine Art inoffizieller Führer der Grenzschutztruppen, dessen Auftritt mit Haarschnitt und Mantel so sehr an Nazi-Ästhetik erinnert, dass es Zufall nicht sein kann, wurde abgezogen. Heimatschutzministerin Kristi Noem geriet intern in der Kritik. Zunächst machte die Regierung Zugeständnisse, kündigte an, die Zahl der Einsatzkräfte zu verringern.
Nun die Nachricht, die wie alles, was diese Regierung sagt, unter Vorbehalt stehen muss: Sie wird den Einsatz in Minneapolis beenden.
Es ist der Sieg einer Gemeinschaft, die ein unvorstellbares Maß an Organisation, Zusammenhalt und Mut gezeigt hat. Minneapolis ist ab jetzt das Muster für andere Städte. Minneapolis zeigt: Man kann sich wehren. Widerstand ist möglich.
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Aber sich wehren, das muss man sich eben bewusst machen, das geht am Ende nur genau so, wie die Menschen in Minneapolis es machen. Sie stellten sich gegen die staatliche Gewalt mit ihren Pistolen und vor die Nachbar*innen, die gejagt werden.
Es braucht auch so viel anderes, das vom Schreibtisch aus getan werden kann, im Gerichtssaal oder im Stadtrat. Aber es braucht auch Menschen, die bereit sind, ihren eigenen Körper auszusetzen, weil sie nicht mehr bereit sind, Ungerechtigkeiten hinzunehmen.
Es ist am Ende vermutlich die mächtigste Art, Macht zu erschüttern.
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Und nur sehr selten reagiert Macht mit Milde, wenn sie erschüttert wird.
Zwei Menschen wurden von Einsatzkräften erschossen. Nach ausführlicher Exegese der Videos, die es davon aus verschiedenen Richtungen gibt, kann man auch sagen: Sie wurden hingerichtet.
Renée Good, 37 Jahre, geboren in Colorado Springs, Mutter von drei Kindern, die Lyrik schrieb und gerade ihren Sohn zur Schule gefahren hatte, als ihr ein ICE-Agent in den Kopf schoss. Ihre Frau, Rebecca Good, stand daneben. Es gibt ein Video, da hört man sie sagen: “They just shot my wife.”
Alex Pretti, 37 Jahre, geboren in Minneapolis, der als Krankenpfleger arbeitete und eine Razzia filmte, als ihn eine Gruppe von Agenten zu Boden rangen, wo ihm einer von hinten mehrfach in Rücken und Körper schoss.
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Die USA sind nicht verloren. Sie sind nicht schon im Bürgerkrieg. Die Demokratie ist noch nicht unwiderbringlich kaputt.
Dies dürfte der erste Moment in diesem ersten Jahr von Trumps zweiter Amtszeit sein, in dem vorstellbar ist, dass die Geschichte anders verläuft. Dass Gewalt und Brutalität sich nicht einfach so den Weg bahnen.
Aber wenn da etwas gerettet wird, dann werden im Bemühen darum weiter gute Menschen zu Schaden kommen, womöglich getötet werden, die entscheiden, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Wenig ist unausweichlich. Das schon.
Das ist der Punkt, an dem die USA stehen. Und wenn man das weiß, weiß man sehr viel über die aktuelle Lage.
Den Menschen, die sich aussetzen, ist das natürlich auch klar. Ihnen ist klar, dass es gefährlich ist und dass es doch anders nicht geht. Wenn man sich das bewusst macht, schütteln die Videos noch einmal anders durch.
Die Menschen in Minneapolis didn’t just let them do it – sie haben sich gegen die Trump-Doktrin gestellt, sie haben sie nicht einfach gewähren lassen.
Auch die Europäische Union hat Trump nicht einfach gewähren lassen, als er immer intensiver erklärte, er wolle Grönland haben. Wirklich haben, besitzen, darüber verfügen können.
Nato-Partner schickten ein paar versprengte Soldat*innen für wenige Tage auf die Insel. Offiziell, um sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie die Bedingungen für eine Mission sind, um sich gegen Russland und China zu wehren. Trump schiebt Bedrohung durch diese beiden Staaten vor und sie schoben nun Trumps Vorwand vor.
In Wahrheit handelte es sich, wie man offenbar im Englischen sagt, um tripwire forces, also Kräfte, die funktionieren wie ein Alarmsystem, über das der Eindringling stolpert, womit er etwas auslöst (mehr Truppen).
Man könnte auch sagen: Es waren menschliche Schutzschilde für einen Tag.
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Für den Moment kann man sagen: Die Gegenwehr wirkte. Trump rückte öffentlich ab von seinem Besitzanspruch.
In Teilen des politischen Raums hat das für eine seltsame Beruhigung gesorgt. Man erlaubt sich die Rückkehr des trügerischen Gefühls, dass vielleicht alles so weitergehen kann wie bisher, oder jedenfalls weitgehend, ganz sicher ohne Konfrontation mit den USA.
Dafür gibt es etliche gute und mindestens ein paar weniger gute Gründe, vielfältige Abhängigkeiten, wechselseitige und einseitige. Und doch sollte man seit diesen Tagen alles andere als beruhigt sein.
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Man muss sich nur einmal vor Augen halten, was Nato-Generalsekretär Mark Rutte da öffentlich gesagt hat.
“If anyone thinks here that the European Union or Europe as a whole can defend itself without the U.S., keep on dreaming,” Rutte said. “You can’t. We can’t. We need each other.”
“Wenn irgendjemand hier denkt, dass sich die Europäische Union oder Europa als Ganzes ohne die USA verteidigen können, träumt weiter.” (...) “Ihr könnt es nicht. Wir können es nicht. Wir brauchen einander.”
Er ist nicht der einzige, der so denkt und redet. Mir ist diese Überzeugung in Gesprächen immer wieder untergekommen: Wir sind geliefert ohne die USA.
Unions-Fraktionschef Jens Spahn hatte in einem SZ-Interview vor Trumps Rückzieher gesagt:
“Trotzdem frage ich: Habt ihr das zu Ende gedacht? Ist es wirklich klug, dass wir als Europäer in der Abhängigkeit, in der wir von Amerika sind, diese Debatte jetzt so führen? Und die Antwort ist Nein.”
Im Bundestag, nach der Regierungserklärung des Kanzlers zur Außenpolitik, formulierte er es so:
“Es gibt in Europa jetzt und in absehbarer Zeit keine Sicherheit ohne die USA.”
Was für ein ungeheuerlicher Satz, bei Lichte besehen. Eigentlich unglaublich, dass er so wenig Reaktionen hervorgerufen hat.
Denn das, was Spahn und Rutte sagen und viele andere denken, heißt ja nichts anderes als: Wir sind, wenn es hart auf hart kommt, absolut ausgeliefert.
Wenn es stimmen würde, würde es heißen: Europa ist ein Vasall der USA, völlig abhängig von dessen Gnade, von dessen Laune. Am Ende verpflichtet zu Gehorsam, halb freiwillig, ganz genötigt.
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Nun könnte man einwenden, so sei das Verhältnis zwischen USA und Europa immer schon gewesen und wie das so ist, daran ist nicht alles falsch, aber die Geschichte ist es doch. Es war kein Ausbeutungsverhältnis, der Schutz kein Schutz unter Androhung, weil beide Seiten es nicht so verstanden.
Man wird gleichwohl gewiss nicht wenige Beispiele dafür finden, dass Europa Schweinereien der USA mitgemacht, verteidigt oder wenigstens still geduldet hat, aus Loyalität, falscher Zurückhaltung, aber vielleicht auch aus Abhängigkeit. Kriege, Putsche, Bombardements.
Nun kann man mal versuchen, sich vorzustellen, wie sich so ein Vasallenleben unter einem imperialen, großkotzigen, mindestens leicht sadistischen Herren ausnimmt.
Wenn man in diesen Tagen mit Politiker*innen aus der Koalition ein Gespräch über das Verhältnis zu den USA beginnt, dann hört man schnell viele zutreffende Erwägungen darüber, was es hieße, sich von den USA zu lösen.
Was ich jedenfalls noch nicht wirklich gehört habe, ist die Gegenprobe: Was hieße es denn, es nicht zu tun?
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Was hieße es, wenn es stimmte, dass Europa existenziell abhängig ist vom Schutz der USA, wenn die Trump-Regierung ihre imperialen Ambitionen weiterverfolgt?
Wenn sie vielleicht doch noch Anspruch auf Grönland erhebt oder auf Island oder worauf sonst? Wenn sie darauf besteht, dass Marine Le Pen zur Präsidentschaftswahl antreten kann oder dass Viktor Orbán die Parlamentswahl gewonnen hat, auch wenn er vielleicht wirklich verlieren sollte? Wenn sie darauf drängt, die Brandmauer aufzugeben?
Wenn sie also alles wahr macht, was sie in ihren Strategien ankündigt? (Und wer weiß, was die US-Vertreter auf der Münchner Sicherheitskonferenz erzählen, ein Jahr nach Vance Erklärung der Gegnerschaft?)
Natürlich sollte man wegen solcher Szenarien, die bisher nicht eingetreten sind, nicht einfach US-Truppen aus dem Land werfen oder die Partnerschaft aufkündigen. Niemand hat etwas von dummem Heroismus. Aber es hat auch niemand etwas von dummer Abgeklärtheit.
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Vielleicht treten diese Szenarien niemals ein. Aber man sollte doch zwingend zweierlei tun:
Erstens daran arbeiten, die Abhängigkeit zu überwinden, und zwar so schnell, wie es geht. Jedenfalls, wenn man wirklich glaubt, dass sie besteht.
Zweitens alle realistischen Szenarien durchdenken und sich überlegen, wie man reagieren könnte. Und vor allem: Wo man eine absolute Grenze ziehen müsste. Wann man im Fall der Fälle aufhört, Vasall zu sein, und lieber versucht, sich selbst durchzuschlagen. Weil es besser ist, frei und gefährdet zu sein, als sicher und Komplize.
Es klingt immer melodramatisch, wenn man das so formuliert. Aber es ist es eine ziemlich nüchterne Analyse der eigenen Lage und Möglichkeiten: Wer wirklich existenziell abhängig ist, kann am Ende zu fast allem gezwungen werden. Oder er muss bereit sein, sich in existenzielle Gefahr zu bringen, um sich zu widersetzen.
Sind wir das? Wann? Wofür? (Oder sind wir in Wahrheit gar nicht so existenziell ausgeliefert?)
Besser, man denkt das einmal durch, solange Ruhe herrscht. Hoffen, dass das alles nie nötig wird, kann man ja immer noch.
Dank der Menschen in Minneapolis vielleicht sogar wieder ein klein wenig mehr.
Dieser Newsletter versteht sich bekanntlich als Paper of Record der Vogelwelt und als solcher ist hier pflichtschuldig zu vermerken, nein, freudig zu verkünden: Es ist in weiten Teilen Deutschlands schon Amselwende, vor allem im Süden, so wird mir vielfach zugetragen, aber nicht nur dort.
Ich selbst habe noch keine Amsel gehört, aber es kann jetzt nicht mehr lange dauern. Auch das kann Hoffnung geben, und wenn es nur darauf ist, dass der Winter irgendwann auch wieder endet.
Herzlich und lauschend
Jonas Schaible



Einer der besten Texte, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Viele Menschen begreifen nicht, wie wichtig Widerstand ist. Dieser Text erklärt es richtig gut. ✊
Kraft zum Mut, realer Blick ohne Verzweiflung,
Selbstwirksamkeit, Umsicht, soziale Verantwortung .
Tausend Dank für den Appell !